Korenan wurde in jungen Jahren in die Nacht geführt, und entstammt, wie es den Anschein hat, keiner armen Familie.
Er ist nicht dick, aber zeigt Anzeichen von beginnender Untersetztheit, die aber nun für ewig in diesem Stadium bleiben dürfte.
Zudem wird sie durch die weiten Amtsroben, die er stets trägt, wirkungsvoll kaschiert.
Seine hellblonden Haare würden auf eine nordische Abstammung hindeuten, sein Name auf eine slawische, und sein Akzent eher auf eine süddeutsche.
Die Blutslinie, als zu der zugehörig er sich selbst stets vorstellt, nämlich die Linie Heinrichs des Flusswarts, weist darauf hin, dass er sich im letzteren Gebiet zu Hause fühlt.
Kundige der europäischen Geschichte der Brujah oder der politischen Situation im Westen Europas werden nämlich wissen, dass es sich dabei um einen der mächtigsten kainitischen Fürsten im südlichen Deutschen Reich nördlich der Alpen und einen der wenigen Prinzen, die die Gelehrten im Reich stellen, handelt.
Doch bis auf seine sprachliche Färbung beherrscht Korenan die slawische Zunge wie ein Böhmer, auch wenn er oft dem verschnörkelten Sprachstil des Hofes aus dem Weg zu gehen und klar seine Meinung und seine Wünsche auszudrücken beliebt, entweder aus Unvermögen oder aus Unwillen, sich der Verschleierung seiner wahren Motive und Gefühle zu bedienen.
Vielleicht mit einer Ausnahme:
Auf des Gelehrten Miene und allgemein seiner Haltung und seinem Auftreten liegt eine gewisse Ruhe, die unnatürlich scheint, insbesondere wenn man den Gerüchten über die Gelehrten Glauben schenkt, die besagen, dass die Ruhe ihnen ein eher fremder Seinszustand ist.
Korenan selbst ist sicher kein Widerspruch zu solchen Behauptungen, denn dass seine Ruhe nicht aus einer inneren Gelassenheit entspringt, sondern Ergebnis von beträchtlicher Selbstdisziplin ist, ist kaum zu übersehen.
Die Frage, die sich dabei vielleicht stellt, ist:
Den brodelnden Topf fest zu verschließen, oder ihn offen vor sich hin kochen zu lassen, was ist besser, auf kurze, und auf lange Sicht, und was ist sinnvoller für den Koch… und was für den Inhalt?
Korenans Reich ist, zumindest soweit es Kainiten der Domäne bisher bekannt ist – denn über den Brujah ist insgesamt noch vieles im Dunkeln – eine Schreibstube im Hradschin.
Fast entsteht der Eindruck, dass der Fürstliche Hochkastellan (eine ausgedehnte Anlage wie der Hradschin verfügt über mehrere Kastellane, und einen Hochkastellan) trotz dem Status eines Ancilla, den er errungen hat, kaum mehr ist als eine Art Sekretär des Prinzregenten, mit dem gleichzeitig er ins öffentliche Leben der Stadt trat.
Doch ist es vielleicht zu früh, solche Schlüsse zu ziehen.
Mysteriös bleiben nämlich noch der Grund seiner Anwesenheit, die Art seiner Verbindung zu den Drachen, die Beziehung zwischen dem Flusswart und der Domäne der Goldenen Stadt, Korenans genaue Aufgabe, die Natur seiner Arbeit für den Prinzregenten und das Ausmaß des Einflusses, den er auf diesen und damit die Domäne ausübt.
Um Näheres über Braga Korenan zu erfahren, bleibt im Augenblick, abgesehen von einem persönlichen Gespräch, nur die genaue Inspektion seines kleinen Reiches im Hradschin.
Der Raum ist an zwei Seiten mit hohen Regalen und Schränken voll gestellt, die wiederum zu einem guten Teil bereits mit Pergamenten, Schriftrollen und auch einigen ledergebundenen Büchern gefüllt sind.
Zusätzlich stehen zwei große und einige kleinere Truhen im Arbeitszimmer, die ebenfalls Dokumente zu enthalten scheinen.
Vier mit Kohle gezeichnete Portraits schmücken die Wände ohne Regale:
Eines stellt den Winterprinzen dar, eines den Prinzregenten.
Die beiden anderen abgebildeten Männer sind den meisten Kainiten wohl unbekannt, aber rege Geister können wohl trotzdem erraten, um wen es sich dabei handelt…
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