Prag

 

Prag bei Nacht

Im alten Hause; vor mir frei
seh ich ganz Prag in weiter Runde;
tief unten geht die Dämmerstunde
mit lautlos leisem Schritt vorbei.

Die Stadt verschwimmt wie hinter Glas.
Nur hoch, wie ein behelmter Hüne,
ragt klar vor mir die grünspangrüne
Turmkuppel von Sankt Nikolas.

Schon blinzelt da und dort ein Licht
fern auf im schwülen Stadtgebrause.-
Mir ist, daß in dem alten Hause
jetzt eine Stimme "Amen" spricht.

Rainer Maria Rilke, IM ALTEN HAUS

 

 

Behaglich in die Arme des Heiligen Römischen Reiches, Polens und Ungarns geschmiegt liegt das winzige Königreich Böhmen in einem zentralen Becken, geschützt von den umgebenden Bergen. Die Gipfel sind zerklüftet, wenn auch wenige höher als 1300 Meter sind. Die urzeitlichen Wälder, Heimat wilder Wolflingsrudel, und barbarischer Gangrel, umschließen die wenigen zivilisierten Enklaven Böhmens.

Prag, die Hauptstadt Böhmens, trotzt der Wildnis. Die Stadt stellt ein Zentrum für Lernen, Handel, Architektur, Religion und Magie dar. Dies wird ihr eines Tages den Titel "Stadt der tausend Türme" einbringen und sie zur Hauptstadt des Heiligen Römischen Reiches machen.

Prag ist auf sieben Hügeln erbaut und hockt wie eine Steinspinne breitbeinig über der Moldau. Ein Großteil der Stadt ist von hohen Mauern umgeben, die auf jeder Seite des Flusses eine Burg beherbergen. Die brütende Stadt umfasst fünf alte Orte. Die Moldau, ein Nebenfluss der Elbe, teilt die Stadt und ist neben Haupttransportweg auch wichtigster Nahrungslieferant - insbesondere für Lachs und anderes Wassergetier - und spendet Wasser, um die Getreidemühlen der Stadt anzutreiben. Regelmäßig suchen Überschwemmungen die tieferliegenden Gebiete heim. Um sie zu bekämpfen, war die Konstruktion steinerner Dämme eine stete Notwendigkeit, damit die Stadt vor der jährlichen Bedrohung geschützt ist. Der Fluss teilt Prag in fünf Distrikte, die jeweils aus einer früheren Siedlung in diesem Gebiet entstanden und von einer eigenen Mauer umgeben sind. Nur eine Brücke führt über den Fluss, der von Dezember bis Februar zugefroren ist. In dieser Zeit kann man ihn zu Pferd oder zu Fuß überqueren.

Der Hradschin erhebt sich in dunkler Pracht auf einer Anhöhe auf der Westseite der Moldau. Der Ortsteil Hradcany erstreckt sich rings um die Burg nach Norden und Nordosten. Unterhalb der Anhöhe liegt die Kleinseite - ein Viertel der Handwerker und Landarbeiter - auf einem Areal, das hügelig bis hinunter zum Flussufer reicht. Am anderen Ufer steht auf einer Landzunge das imposante Bauwerk Vysehrad.

Im Tiefland unter dem Vysehrad befinden sich drei Gebiete, die erst seit 1160 zur Stadt selbst gehören. Das erste ist als das jüdische Viertel (Josefov) bekannt und besteht aus einem labyrinthartigen Gewirr von Gassen in einem Winkel, der durch die Biegung des Flusses nach Osten entsteht. Direkt südlich (flussaufwärts) des jüdischen Viertels ist die Altstadt, ein geschäftiges Markviertel, in dem die gerade neu erbaute Universität liegt. Am weitesten im Süden befindet sich die Neustadt, die im Schatten des Vysehrad liegt und danach strebt, das neue Zentrum des Handels zu werden. Die Befestigungen der Altstadt nahmen erst kürzlich Gestalt an, während die Neustadt noch um Souveränität kämpft. Jedes Gebiet weckt je nach den Einwohnern, deren Beschäftigungen und Überzeugungen, bestimmte Gefühle.

Nach Bränden die Teile der Stadt in Schutt und Asche legten, ist nun ganz Prag aus Stein erbaut. Dunkle Hütten ballen sich in engen Kopfsteinpflasterstraßen, während sich die größeren Behausungen in Höfen hinter beeindruckenden Arkaden zusammenschmiegen. Romanische Architektur ist vorherrschend und grenzt mit ihren Rundbögen und schweren Toren die verschiedenen Stadtteile voneinander ab. Obwohl oft Laternen in die Hauswände eingelassen sind, werden Fackeln entzündet, um denen zu helfen die nachts durch die verworrenen Straßen der Stadt wandern. Lachen tintiger Schwärze weichen nahe den Burgen und Kneipen sowohl in Alt- als auch in Neustadt einem schattigen Licht.

Die Burg und die äußeren Bereiche der Kleinseite sind (Nach Westen und Süden hin) doppelt gegen eindringende Wölfe, Banditen und mögliche Eroberer befestigt. Flusswärts werden die Mauern nur an den Kreuzungen nahe der Judidth-Brücke unterbrochen. Die Mauern der Altstadt und des jüdischen Viertels sind genauso dick, aber weniger hoch wie die der Prager Burg, und in der Neustadt müssen die Befestigungen erst noch fertiggestellt werden. Durch den Bau der Deiche liegt die Stadt nun beinahe drei Meter höher als die keltische Siedlung auf der sie einst erbaut wurde. In der Neustadt wird derzeit in einem völlig neuartigen Architekurstil, der "gotisch" genannt wird, eine neue Kirche gebaut. Ihre Spitzbögen und fliegenden Stützpfeiler erlauben es dem Turm, sich bis in den Himmel empor zu schwingen. dieser Stil wird innerhalb der nächsten Jahrhundert das bemerkenswerte Charakteristikum der Stadt werden, mit Tausenden von Türmen in luftiger Höhe, die die Mauern der Stadt überragen.

Die Judith-Brücke, eine Bogenkonstruktion aus grauen Steinen, ist breit genug, dass sechs Karren nebeneinander fahren können, und verbindet eine Seite der Stadt mit der anderen. Güter, die flussauf- oder abwärts kommen, werden entlanden oder gezählt und besteuert, um dann für den Verkauf auf dem Markt in der Altstadt über die Flutmauern gehievt zu werden. Ob sie nun vom Fluss herauf oder über die Judith-Brücke kommen, müssen Reisende auf jeden Fall die bewachten Tore passieren, um entweder die Altstadt (am Ostufer) oder die Kleinseite (im Westen) zu erreichen. Das Land, auf dem die Altstadt steht ist flacher und die Straßen hier sind breiter als auf der Kleinseite. Mehrere Tore der Altstadt führen zu den verwinkelten Gassen des jüdischen Viertels im Nordwesten oder hinaus nach Süden in die offenen und unbefestigten Gebäude der Neustadt.

 

 

DER HRADSCHIN

Die Prager Burg ist eine weitläufige, Festung, die Dutzende voneinander unabhängiger Gebäude beinhaltet, die über schlecht beleuchtete Gänge und Treppen und verschiedene Etagen hinweg miteinander verbunden sind. Die Aufteilung der Räume in der Burg scheint keiner Ordnung unterworfen so findet man einen Trophäenraum Wand an Wand mit einem Schlafzimmer, das noch zusätzlich als Treppenhaus mit einer Wendeltreppe in den Keller darunter dient. Öffentliche und private Räume sind wild durcheinander gewürfelt. Nur ein paar verstreute Insignien zeigen an, welche Gänge aus diesem Labyrinth zu einem Innenhof oder auf den Vorplatz nach draußen führen. Treppen winden sich von der Hauptebene hinab zu einem Absatz, von wo aus man über eine andere Treppe eine Ebene zwei Stockwerke höher erreichen kann.Ein Irrgarten von Räumen, offensichtlich Teil einer größeren Zimmerflucht, endet in einem vergessenen Turm, der die Zinnen überblickt. Und nur die, die sich wirklich auskennen, benutzen die Geheimgänge, die die Mauern durchziehen und einen merkwürdigen Ort mit dem anderen verbinden. Schiefe Winkel bestimmen das Bild. Seltsame Kunstwerke, die verzerrte Gesichter, verdrehte Gliedmaßen und kriechende, dämonische Figuren darstellen, schmücken die Wände noch zusätzlich zu den grotesken Friesen. Die Mauern sind mit Gobelins abgehängt, um den Schauer zu lindern, den diese Burg einem unweigerliche über den Rücken jagt. Verzierte Kamine liegen, da sie nicht mit Schornsteinen versehen wurden, im Dunkeln. Dafür versorgen kleine. geschlossene Öfen die meisten Räume mit Wärme.Die Architektur scheint von einem Wahnsinnigen erdacht zu sein. Allerdings scheint sich die Premysl-Familie im Inneren sicher zu fühlen, da sie wissen, dass mögliche Feinde sie erstmal finden müssen, bevor sie ihre Übeltaten begehen können.

Auf dem Gelände innerhalb der Mauern um den Palast findet sich auch die Basilika St. Georg und das dazugehörige Kloster. Die Zwillingstürme der Basilika erheben sich hinter der Burg. Ihr düsteres Interieur beherbergt die Gräber mehrerer Familienmitglieder der Premysls, wie das von Boleslaus II., der hinter einem verzierten Gitterfenster ruht.

Des Weiteren findet sich darin die winzige Kirche Unserer Herrin (eine Kapelle aus dem 9. Jh., die von Prinz Borivoj erbaut wurde), sowie der St. Veits-Rundbau, in dem sich der vergoldete und mit Juwelen verzierte Arm des Heiligen Georg als Reliquie befindet. Einmal im Jahr, am St. Veits-Fest, wird es "umnachteten Seelen" gestattet, in dem Rundbau den Riten des Wahnsinns beizuwohnen.

In die Arkaden der Burgmauern sind winzige Häuschen eingebaut, bei denen der First teilweise nicht höher als neunzig Zentimeter liegt. Hier leben die Goldschmiede und bearbeiten die Reichtümer aus Böhmens zweiter großer Stadt Brünn. Es geht die Sage, die Goldene Gasse, wie diese Straße genannt wird, sei voller Alchimisten, die allesamt für die Premysl-Familie Blei in Gold verwandeln. Die Burg und die Goldene Gasse werden ständig von Wachmannschaften patrouilliert. Andere sichern den Schwarzen und den Weißen Turm, die Eingänge zur Burg. Rechts und links der Burg laufen steile Treppen durch die Kleinseite hinab zum Fluss. Eine eigene kleine Stadt ist an der Außenmauer der Burg entstanden. Dieses, Hradcany genannte Viertel ist Heimat vieler Handwerker und derer, die in der Burg ihren Geschäften nachgehen (wie niederer Adel, Diener und Wachen).

Auch befindet sich das 1140 von den Prämonstratensiern gegründeten Kloster Strahov hier. Als Zentrum des Lernens beherbergt das weitläufige Kloster eine berühmte Bibliothek, die umfangreichste Böhmens (einige behaupten, der Welt), in der theologische und philosophische Texte aufbewahrt werden. Das Strahov-Gesangbuch, ein Manuskript aus dem 9. Jh., das mit Juwelen und goldenen Heiligenbildern sowie einem Kruzifix verziert ist, stellt einen der wertvollsten Schätze der Bibliothek dar.

 

[Auswahl]

 

KLEINSEITE

Die Kleinseite liegt unterhalb der Brustwehr des Hradschin und erstreckt sich über eine Reihe von Hügeln bis zur Moldau. Ihre steilen Gassen beheimaten die Häuser der Töpfer, Juweliere, Zimmerleute, Wagner, Hufschmiede, Weinhändler und Gärtner, die das Kulturland unterhalb der Prager Burg bearbeiten. Da fast niemand aus der Bevölkerung lesen kann, sind die Häuser hier und in der Altstadt mit Schildern gekennzeichnet, die entweder ein Symbol für das darinnen betriebene Geschäft oder ein Familienzeichen zeigen.

Die Kirche Unserer Herrin hinter der Kette ist die älteste im Viertel, wurde von Wladislaw 11. erbaut und später dem Johanniterorden vermacht. Das befestigte Kloster, das die Kirche umgibt, bewacht den Zugang zur Judithbrücke. Ihr Name stammt von der Kette, die benutzt wird, um das Wachhaus zu verschließen.

Auf der Kampa- Insel, einem Teil der Kleinseite zwischen der Moldau und einem Nebenflüsschen, das als Teufelsstrom bekannt ist, stehen drei Mühlen. Die größte ist die Mühle des Großpriors, die Getreide für die Bewohner der Burg und für die Johanniter mahlt. Gärten blühen auf der Insel, die auch von der Stadtbevölkerung genutzt wird, um zu waschen oder Leinen zu bleichen.

Der interessanteste Ort auf der Kleinseite ist der Kleinseitenplatz, einst ein Marktplatz innerhalb der äußeren Mauem der Prager Burg. Der Markt wurde geteilt, als Händler ihre Läden mitten auf dem Platz errichteten. Der untere Teil wurde zum Platz für Bestrafungen. Hier stehen Galgen und Pranger. Die Brückenstraße führt Kleinseitenplatz zur Judithbrücke hinunter. Der Bischof von Prag hat hier in einer Nebenstraße ein Haus, von dem aus man die Altstadt auf der anderen Seite des Flusses sehen kann.

Am Südrand der Kleinseite erhebt sich die Kirche St Laurentius über einem ehemals heidnischen Schrein, Einige Einwohner behaupten im Flüsterton, in Vollmondnächten würden immer noch heidnische Riten im Inneren der Kirche abgehalten.

 

[Auswahl]

 

ALTSTADT

Die Altstadt entstand um einen großen Platz herum, der schon seit dem 10. Jh. als Marktplatz dient. Er ist in das Herz des Viertels, mit Kirchen und Häusern, die an einem strahlenförmig nach außen führendem Straßennetzwerk liegen. Auch wenn sie befestigt ist, hat die Altstadt 13 Zugänge, von denen die meisten bei Einbruch der Dunkelheit geschlossen werden. Die südlichen Tore führen in die unbefestigte Neustadt, während eines zur Judithbrücke und ein weiteres ins jüdische Viertel führt.

Auch wenn Altstadt nicht wie die Kleinseite im Schatten der Burg liegt, vermitteln die dunklen Steine der Außenmauern und die wahllos verlaufenden Straßen dem Besucher ein Gefühl von Klaustrophobie. Diese Bauten überragen die kleinen Häuser direkt darunter und tauchen sie in immerwährende Schatten.

Die Celetna-Straße, eine der ältesten Prags, läuft vom Osttor parallel zur alten Handelsstraße aus Ostböhmen.Celetna ist der Name der Brötchen, die hier auf der Straße gebacken werden. Weiterhin findet man hier Straßenschlachter, die Sage behauptet, dass man auf der Celetna-Straße in bestimmten windigen Nächten dem Geist eines Schlachters begegnen kann, der eine feurige Axt schwingt. Nächtliche Wanderer, die unglücklicherweise dieser Erscheinung über den Weg laufen, werden am nächsten Morgen kopflos aufgefunden. Die Celetna-Straße mündet in die Karlova-Straße, einen gewundenen Weg, der von Häusern und Geschäften gesäumt wird und Hauptstraße der Altstadt ist. Die Kirche St. Nikolaus an der Mauer, die das Judenviertel umschließt, dient als Treffpunkt der Gemeinde.

Neu erbaut, erlaubt die Universität von Prag den Bewohnern Osteuropas intellektuelle Reize, die ihnen lange verwehrt waren.Kurse in Latein, Religion und Philosophie ziehen Studenten aus ganz Europa, nicht nur aus den östlichen Ländern an. Sie ist der Hoffnungsstern der "Stadt der Magie".

 

[Auswahl]

 

DAS JÜDISCHE VIERTEL

Zwei jüdische Gemeinden, eine aus dem Westen, die andere aus dem byzantinischen Imperium, siedelten in Prag in der Nordwestecke des rechten Flussufers der Moldau. Obwohl es ihnen erlaubt war, Geschäfte entlang der Straße durch die Altstadt und die Kleinseite zu eröffnen, wurden die meisten Juden doch zu Beginn des 12. Jh. in das kleine Ghetto verbannt.

Um den Marktplatz und den Irrgarten der von ihm wegführenden Straßen herum wurden Mauern errichtet, um die Juden vom Rest der Stadt zu trennen. Um den Marktplatz entstanden Häuser und Geschäfte. Es wurde den Juden verboten, in der Altstadt und der Kleinseite Handel zu treiben. Außerdem wurden die Tore zum Judenviertel an Sonntagen geschlossen und verriegelt. Einige Juden bestellen Felder außerhalb der Mauern, die meisten bieten aber Dienste an, die von Schmiedekunst bis Geldverleih reichen. Im Gegensatz zu den Christen war es Juden erlaubt, für verliehenes Geld Zinsen zu fordern. Daher sind einige wohlhabend.

Erzogen in einer Tradition, die Lernen und Wissen fördert, können mehr Juden als Christen lesen und schreiben. Mehrere Schreiber haben ihre Stände auf dem Judenmarkt und unterhalten damit ein blühendes Geschäft. Im Ghetto residieren außerdem viele Scholaren, von denen einige es morgens mit Öffnung der Tore verlassen, um an der Universität zu lehren. Die meisten Einwohner verlassen nachts ihre Häuser nicht, obwohl sie nicht wissen, wovor sie sich fürchten. Eine geheimnisvolle Aura liegt über dem jüdischen Viertel, die von Besuchern wie von Einwohnern wahrgenommen wird.

Zwei Gebäude bilden das Herz des Judenviertels. Das Erste ist die Alte Synagoge, die sich im Mittelpunkt des Ghettos erhebt und über den benachbarten Gebäuden thront. Sie ist aus fahlen Steinen erbaut. Ihr Inneres wird von Schnitzereien, bronzenen Leuchtern und silbernen Thorarollen geziert. Sie ist ein Ort der Verehrung für Juden des westlichen Ritus, die um sie herum leben.

Das zweite wichtige Gebäude ist Prags älteste Synagoge, die Stara Skola. Die Stara Skola ist der Kern einer jüdischen Gemeinde, die den östlichen Ritus praktiziert und immer noch streng getrennt von ihren westlichen Gegenstücken lebt. Die Erscheinung der Stara Skola ist maurisch, in etwa wie das Alhambra. Wie die Alte Synagoge sticht sie aus dem sonst schwermütigen Stadtbild hervor.

Am Rand des Ghettos liegt der Judenfriedhof. Verwitterte Grabsteine bezeugen sein Alter. Knorrige Bäume lassen ihre Zweige über Teile des Bodens streichen und hie und da eines der Gräber berühren, die genauso labyrinthartig angeordnet sind wie die Straßen des Ghettos. Weil auf dem Friedhof kaum Platz ist, sind die Gräber übereinander angeordnet. Aus religiösen Gründen dürfen sie nicht eingeebnet werden. Es wird Erde aufgeschüttet und nach Bedarf eine neue Schicht gelegt, wodurch ein Feld wechselnder Hügelgräber entsteht. Die alten Grabsteine werden auf die neue Höhe gebracht und so nah wie möglich am Ursprungs ort platziert, weswegen der Friedhof wie eine wirres, chaotisches Durcheinander aussieht.

 

[Auswahl]

 

VYSEHRAD-AKROPOLIS

Diese Anhöhe senkt sich nach Westen hin ab, um wie eine Steinwand den Fluss zu säumen. Auf ihr steht der Vysehrad. Wehrwälle schlängeln sich die Klippen hinab. Der Fels ist von

Höhlen durchlöchert, die mit Tunneln und unterirdischen Räumen verbunden sind. Die ursprünglich aus Ziegeln erbaute Burg wurde inzwischen mit großen, behauenen Steinen befestigt. Obwohl die Burg noch im 11. Jh. als Residenz diente, liegen Teile davon jetzt in Ruinen, und die meisten lassen sie klugerweise in Frieden ruhen. Von seltsamen Lichterscheinungen, Geräuschen, Seufzern und dem Verschwinden von Leuten wurde in der Umgebung bereits berichtet, so dass viele glauben, es spuke auf dem Vysehrad. Andere flüstern, auf dem Vysehrad seien die "verrückten" Familienmitglieder eingesperrt, damit sie dem Rest Prags keinen Schaden zufügen können. Einige sagen, die Premysls verehrten hier den Teufel - äßen Menschenfleisch essen, tränken Blut und opferten Kinder, die sie von den Juden kauften, die sie entführt hätten. Die Leute erzittern, wenn der Schatten der Burg auf sie fällt. Man erzählt sich, allein er bewirke, dass man Schaum vorm Mund bekommt und verrückt wird. Erstaunlicherweise teilt sich die Burg des Schreckens den Platz mit drei heiligen Orten: der Basilika St. Laurentius, der Kirche St. Peter und Paul mit ihren Zwillingstürmen und dem romanischen Rundbau St. Martin.

 

[Auswahl]

 

NEUSTADT

Die auftretenden Platzprobleme innerhalb der Stadtmauern Prags schrieen förmlich nach einer Lösung. Zahlreiche, zumeist ärmere Menschen tschechischer Nationalität hatten sich in den vor der Stadtmauer gelegenen Siedlungen niedergelassen, woraufhin eine beinahe durchgängige Bebauung entlang der Moldau entstanden war. Die Stadtmauer dient nicht nur der Sicherung der neuen Stadtanlage, sondern grenzt sie auch rechtlich vom Umland ab.

Die Bedeutung, die der Befestigung zugemessen wurde, ist unter anderem daran ersichtlich, dass sie - wenn auch mit einer relativ geringen Höhe im Vergleich mit den Mauern älterer böhmischer Städte - nur innerhalb von zwei Jahren fertig gestellt wurde.

Die Stadtmauer der Neustadt beginnt am Vyšehrad und zieht sich von dort entlang des Steilabfalls der oberen Moldauterrasse am Boticbach zum höchsten Punkt der Umgebung, auf dem später der Karlshof errichtet wird. Hier winkelte sie ab und lief zunächst beinahe exakt nord-süd-ausgerichtet weiter.
Nach einer leichten Biegung nach Osten zwischen den Toren an der Gerstengasse und dem Rossmarkt trifft die Mauer auf den Veitsbergbach, dessen tief eingeschnittenem Tal sie im ungefähr gleich bleibenden Abstand zur Altstadt bis zur Moldau folgt, wobei sie erneut - diesmal nach Westen - abknickt.
Im Gegensatz zur Altstadt wurde an der Moldau keine Mauer errichtet, da ein freier Zugang zum Fluss gewährleistet sein musste. Insgesamt ist die Mauer etwa 3,5 km lang, 6-10 m hoch und 3-5 m breit und mit Zinnen bekrönt.
Während sie an der Ostseite aller 100 m mit Türmen besetzt ist, verzichtete man im Süden - bis auf einen im Tal gelegenen Turm - wegen der steilen Vorfläche darauf. An den Knicken der Mauer im Südosten und im Nordosten am Veitsbergbach sowie am Nordende an der Moldau erhebt sich jeweils ein stärkerer Turm.

Durchbrochen wird die Ummauerung nur von vier Toren und einigen kleinen Pforten. Der Mauer vorgelagert ist ein Graben, der vor allem in den einstigen Bachbetten Wasser führt, an einigen Stellen aber aufgrund der Höhenunterschiede auch trocken liegt.

In letzter Zeit zogen Architekten und Handwerker (auf der Suche nach neuer Verwendung für ihr Können) aus Frankreich nach Prag. Mit Unterstützung König Ottokars I. bauen sie eine gigantische Kirche, die "bis in den Himmel" reichen soll. Unter Verwendung neuester Techniken erbauen sie im gotischen Stil die Kirche der Heiligen Jungfrau.

Die Kirche benötigt einen stolzen Bauplatz und nimmt eine Fläche des Marktplatzes ein. Geschmeichelt durch Prinz Julius Versicherung, die Stadt könne nur unter einem starken und interessierten Herrscher gedeihen, erstellte König Ottokar höchstpersönlich Pläne für breite Straßen, die ringförmig von den zentralen Märkten wegführen. Wenn seine Pläne umgesetzt werden, könnte die Neustadt zum Mittelpunkt von Kunst und Schönheit werden.

 


(Quelle: Transsylvanien bei Nacht)



[Zurück]